Zum Hauptinhalt springen
  • Hallo und herzlich Willkommen im neuen Styria-Mobile-Forum!
    Melde Dich an bzw. registriere Dich um alle Bilder sowie Themen sehen zu können! 

Thema: 03.08.1920, ein Freudentag für Radkersburg: (259-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Benutzer und 1 Gast betrachten dieses Thema.
03.08.1920, ein Freudentag für Radkersburg:
03.August 1920, ein Jubeltag für die Radkersburger

03.August 1920, ein Jubeltag für die Radkersburger

Dr. Franz Kamniker, geboren am 16.09.1870 in Radkersburg als Sohn eines Kaufmannes besuchte das Gymnasium in Graz und promovierte 1895 nach dem Medizinstudium ebendort zum Doktor der Allgemeinmedizin. Er kam als Arzt 1896 in das neue Krankenhaus nach Radkersburg und wurde dort bereits 1899 Primarius. Dr. Franz Kamniker war seit dem Jahr 1901 Mitglied des Gemeinderates von Radkersburg und ab 1912 Bürgermeister Stellvertreter. Ab 1921 war Franz Kamniker sogar selber Bürgermeister und ab 1923 auch Abgeordneter im Steiermärkischen Landtag.   

Nachdem am 11.11.1918 der Krieg nun endgültig verloren war und die österreichisch-ungarische Monarchie als besiegte Macht zerfiel wurde am 18.Jänner 1919 in Paris St. Germain en Laye eine Friedenskonferenz eröffnet. Diese sollte die Grenzen in Europa neu definieren und unter Berücksichtigung von ethnischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ein neues Europa im Sinne der Bevölkerung und im Interesse derselben gestalten. Die deutschösterreichische Regierung wurde am 02. Mai eingeladen Vertreter zu entsenden, die die von den Siegermächten festgesetzten Friedensbedingungen prüfen sollten. Von der steirischen Landesregierung wurde Franz Kamniker am 03.Mai 1919 als ,,Vertreter der untersteirischen Interessen" entsannt. Er setzte sich als geborener Radkersburger mit viel Herzblut und Engagement gegen die ungeliebte Besetzung der Süd- und Untersteiermark durch die Truppen der SHS ein und wollte stets den deutschen Charakter der Region aufgezeigt wissen. Er war auch schon von 09. bis 12. Dezember 1918 als Wirtschaftskommissär in Laibach bei den Verhandlungen dabei, bei denen verkehrs- und wirtschaftspolitische Fragen zwischen Deutschösterreich und dem neu gegründeten Staat der Slowenen, Kroaten und Serben abzuklären waren. Dr. Franz Kamniker reiste am 12.Mai 1919 durchaus positiv gestimmt mit den anderen Vertretern nach Paris St. Germain und wartete die Übergabe der Friedensbedingungen ab um diese dann prüfen und ggf. beeinspruchen zu können.

Der erste Entwurf dieser Friedensbedingungen übertraf die schlimmsten Befürchtungen und benachteiligte die süd- und untersteirischen Gebiete massiv. Nach dieser Vorlage sollte das gesamte Gebiet von Spielfeld bis Radkersburg dem neugegründeten Staat der SHS zugesprochen werden. Dieses Gebiet war vor allem wegen der Radkersburger Bahn  begehrt, stellte diese damals 34-jährige Bahnlinie doch die einzige Möglichkeit dar um aus dem Gerichtsbezirk Luttenberg in das damalige Verwaltungszentrum Marburg zu kommen. Die deutschösterreichischen Delegierten sollten nun Gegenvorschläge dazu einbringen und mit fundierten Argumenten begründen. Nach langen Beratschlagungen wollte man die Delegation dazu bringen, die Bevölkerung selber entscheiden zu lassen, ob diese bei Deutschösterreich verbleiben wolle, oder sich dem neu gegründeten Staat der SHS anschließen sollte. Franz Kamniker wollte das ,,Selbstbestimmungsrecht für die Regionen" nach Absprache mit der Landesregierung durchsetzen und schlug eine regionale Abstimmung vor. Man versuchte dabei das Abstimmungsgebiet so zu wählen, dass es sehr wahrscheinlich war eine satte Mehrheit für den Verbleib bei Deutschösterreich zu erreichen  und somit das Gebiet von Marburg bis Spielfeld und Radkersburg nach Deutschösterreich zu ,,retten". Die Chance auf eine Abstimmung stand anfangs auch recht gut. Dr. Franz Kamniker erarbeitete am 09.Juni 1919 die berühmte ,,Denkschrift über die Steiermark" in der er nicht nur die ethische Zugehörigkeit der Region zu Deutschösterreich unterstrich, sondern auch mit wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Argumenten einen Verbleib bei Deutschösterreich argumentierte. Zu guter Letzt wies er noch auf die zahlreich vorhandenen Bitttelegramme derjenigen Gemeinden hin, die sich schon früh zu Deutschösterreich bekannt haben. Auch die Miles Kommission, eine Abordnung der Siegermächte unter der Leitung des amerikanischen Oberstleutnant Sherman Miles selber hat sich ja vom deutschen Charakter der Region durch einen Besuch in Radkersburg am 20.Jänner 1919 ein Bild machen können. Franz Kamniker wurde leider am 10.06.1919 aus Kostengründen zurück nach Österreich geschickt. Er kehrte in der Meinung zurück, dass sein Argumentarium bei den Siegermächten Berücksichtigung in den weiteren Verhandlungen finden würde. Kamnikers Denkschrift über die Steiermark wurde aber unglücklicher Weise nicht behandelt. Am 20.Juli 1919 wurden sodann der österreichischen Delegation die vollständigen Friedensbedingungen überreicht. Diese bestätigten den Verlust der gesamten Region zwischen Radkersburg und Spielfeld, obgleich doch eine Abstimmung zuvor in Aussicht gestellt wurde. Leider reagierte man seitens Deutschösterreichs nicht rechtzeitig auf dieses Versäumnis und intervenierte hier nicht sofort.

Sechs Tage später reiste Dr. Kamniker neuerlich nach Paris, um bei der Ausarbeitung der endgültigen österreichischen Entgegnung mit zu arbeiten. Diese Arbeit wurde am 06.August 1919 den Siegermächten übergeben und hatte zum Inhalt, dass die Situation in der Untersteiermark derer in Kärnten sehr ähnlich sei und nach dem Gleichheitsprinzip auch hier unbedingt eine Volksabstimmung abzuhalten sei. Die Abstimmung sollte im Marburger Becken und in Radkersburg erfolgen. Desweiteren stellte man inhaltlich die wirtschaftlichen Nachteile durch diese Grenzziehung dar und wollte auch die ethnischen Grenzen hauptaugenmerklich ins Interesse rücken. Nun wurde auch die Denkschrift über die Steiermark, verfasst von Dr. Franz Kamniker, dieser schriftlichen Entgegnung mit eingeflochten und als Argumentarium mitübernommen.  Während die Siegermächte, die alles entscheidenden Verhandlungen abhielten, fuhr Dr. Kamniker wieder nach Österreich zurück und hoffte auf eine Korrektur der Grenzziehung, sodass Marburg und Radkersburg doch noch bei Deutschösterreich verbleiben durften. Da man aber nach viel hin und her keine Einigung über die Abstimmungsgrenzen finden konnte verhandelte die österreichische Delegation letztendlich einen Kompromiss ohne Abstimmung aus, der Marburg bei Jugoslawien beließ, während das linke Murufer mit Mureck und Radkersburg Deutschösterreich zugesprochen werden sollte. Am 29. August 1919 war es zur einzigen Grenzkorrektur im Friedensvertrag von St. Germain gekommen, weil man dem österreichischen Einspruch zustimmte, da sich Radkersburg seinen wirtschaftlichen Grundsätzen und seinem Zugehörigkeitsgefühl mehr nach Österreich orientiere. Offensichtlich war es der Denkschrift für die Steiermark von Dr. Franz Kamniker zu verdanken, dass die Friedensdelegation für einen Verbleib von Radkersburg bei Österreich entschieden hat und demnach die eigentlich beschlossene Grenzziehung auch tatsächlich dahin korrigiert wurde.

Der natürliche Verlauf der Mur wurde nun als Staatsgrenze herangezogen und der Friedensvertrag von Paris Saint Germain en Laye am 10. September 1919 ratifiziert. Letztlich wurde noch ein Grenzregulierungsausschuss eingerichtet. Dieser Ausschuss sollte bei Einstimmigkeit der beiden Staaten noch Grenzkorrekturen zulassen, sofern man sich beidseitig einigen würde. Die Jugoslawen traten jedoch leider in keinerlei Verhandlungen mit Österreich ein wonach die Grenze also genau so verblieb. Obgleich im Tauschwege Gebiete im Raum Grosswalz-Soboth, wie auch Sicheldorf, und Laafeld für das Abstaller Becken angeboten wurde und den Jugoslawen auch eine Bahnverbindung von Radkersburg nach Murska Sobota auf Kosten der Österreichischen Regierung zugesagt wurde, kam es zu keiner Änderung der beschlossenen Grenzen mehr und der Friedensvertrag vom 10.September 1919 war nun endgültig fixiert. Trotz dieser unmissverständlichen Entscheidung ließen die Truppen der SHS noch bis Ende Juli 1920 Radkersburg besetzt und verließen die Stadt erst am 26.07.1920. Zuvor marschierten sie aber noch am 18.Juli 1920 in die unbesetzten Gebiete des  Abstaller Feldes ein ohne aber wie zuvor vereinbart Radkersburg zu räumen. Aus Protest darüber rissen unbekannte Täter in der Nacht vom 18. auf 19 Juli 1920 die Bahngleise der Radkersburger Bahn bei Kilometer 12,7 in Misselsdorf auf. Eine Zugsentgleisung des Morgenzuges war die Folge und blockierte folglich die eingleisige Strecke. 

Nach der gefühlt unendlich langen Zeit der Belagerung Radkersburgs durch die Truppen der SHS konnte nun endlich der erste österreichische Zug von Graz nach Radkersburg am 03.August 1920 feierlich empfangen werden. Dieser brachte unter dem Jubel der Bevölkerung die Beamten für die Bahn, Post und Gendarmarie, sowie viele, viele Ehrengäste nach Radkersburg. Mit diesem Zug kehrte auch Dr. Franz und Gemahlin Christine Kamniker zurück nach Radkersburg in die Heimat. Alle Bahnhöfe waren festlich geschmückt und mehrere tausend Leute empfingen den ersten österreichischen Sonderzug aus Graz. Dr. Franz Kamniker ist es wohl zu verdanken, dass Radkersburg - Mureck und Spielfeld deutsch geblieben ist. Vom Radkersburger Bahnhof zogen die Festgäste auf den Radkersburger Hauptplatz, durch fahnengeschmückte Gassen und vorbei an festlich geschmückten und bekränzten Häusern, wurden dann am Hauptplatz die Ansprachen und Festreden abgehalten. Laut seinerzeitigen Zeitungsberichten nahmen an dieser ,,Befreiungsfeier" zehntausend Personen teil.


Fotos: Fotosammlung Richard Prettner, Museum im alten Zeughaus, Fotosammlung F. Bund, Museum im alten Zeughaus sowie und Foto-, Dokumenten-, und Requisitensammlung Armin klein, alle 8490 Bad Radkersburg.


Der erste "deutschösterreichische Zug" nach über 20 Monaten SHS Belagerung trifft in Radkersburg am 03.08.1920 ein. Gezogen von zwei Lokomotiven der Baureihe 32d mit einer Vielzahl an Ehrengästen und den Beamten für Bahn, Post und Gendarmerie.


Dr. Franz und seine Gemahlin Christine Kamniker werden von der Menge jubelnd begrüßt und gnä Frau bekommt ein Blumensträuß´chen überreicht.


Das ehemalige Stationsschild von Bahnhof Radkersburg seit dem 01.12.1918 unter der Kontrolle der SHS Truppen


Ein Zeitungsausschnitt der Reichspost zu diesem Ereignis
  • Zuletzt geändert: August 03, 2020, 15:20:53 von Bahnhof-Halbenrain